locus oder lokus
vom Sinn und Unsinn wissenschaftlicher
Lokalisierungsversuche der Pollio-Villa bei Sorrent


Die römische Meervilla an den Uferfelsen des Capo di Sorrento gilt vielen Badegästen und Kulturbegeisterten als must-have eines Kampanien-Besuchs. Die imposante Ruine wurde erstmals in den 1960er Jahren von italienischen Archäologen erforscht. Weitere Untersuchungen folgten, die jedoch über den reinen Oberflächenbefund hinaus nur wenig neue Erkenntnisse brachten. Ein paar der von hier stammenden Funde sowie ein Rekonstruktionsmodell der römischen Villa stehen im Archäologischen George Vallet Museum von Massa Lubrense.

  • Die Pollio-Villa vom Meer in der heutigen Ansicht
  • Die Pollio-Villa vom Meer in der Rekonstruktion

Im Volksmund wird die antike Ruine oft mit der sogenannten Pollio-Villa gleichgesetzt. Pollio Felix war ein römischer Geschäftsmann des späten ersten Jahrhunderts nach Christus, der sich auf seinem Landgut nahe Sorrent zur Ruhe gesetzt hatte. Von dem römischen Dichter Publius Papinius Statius wissen wir, dass Pollio aus einer angesehenen Familie in Puteoli stammte und am Golf von Neapel nicht weniger als drei Immobilien samt Ländereien besaß. Die Meervilla bei Sorrent, in der Statius mehrmals zu Besuch war, diente Pollio und seiner Familie als fester Wohnsitz. Statius beschreibt diesen Ort in seinem zweiten Silven-Lied, das die Zeiten überdauert hat und uns noch heute einen beeindruckenden Bericht über das Anwesen gibt.

Aber wo genau hat die Pollio-Villa nun gelegen? Über dieses Thema ist in den letzten 50 Jahren viel diskutiert worden und es läuft früher oder später immer wieder auf die gleiche, wenn auch nur selten ernsthaft gestellte Frage hinaus: Wie wörtlich kann und darf, muss oder sollte man die in Hexametern verfassten Informationen eines Dichters überhaupt nehmen? Papinius Statius war Poet, kein Historiker. Ein gutes Versmaß und passende Metaphern waren ihm wichtiger als die faktische Darstellung der Wirklichkeit. Andererseits waren seine Lieder Auftragswerke, die den Reichtum, den Intellekt oder das gemeinnützige Auftreten seiner Kunden in den Mittelpunkt rücken sollten. Allein für den Wiedererkennungswert musste es also ein paar Informationen geben, die überprüfbar und somit wahr waren.

Leider können wir Statius nicht mehr fragen, wie er dieses oder jenes gemeint hat. Wir können seine Verse nur interpretieren. Und wie schwer das mitunter sein kann, zeigt sich schon in den ersten drei Zeilen seines Liedes über die Pollio-Villa: Zwischen den Mauern, die durch den Namen der Sirenen bekannt sind (inter notos Sirenum nomine muros) | und dem Felsen, auf dem der Tempel der tyrrhenischen Minerva steht, | gibt es eine erhabene Villa (celsa … villa) mit Rundblick über das dicarchëische Meer. Der erste Streitpunkt sind die so genannten „Mauern, die durch den Namen der Sirenen bekannt sind“. Was ist hier gemeint? Die Sirenen-Inseln vor dem Capo di Sorrento? Oder die Mauern des Sirenen-Heiligtums, das man nahe Massa Lubrense gefunden hat? Ist es eine Anspielung auf die kampanische Steilküste oder sind damit schlicht die Stadtmauern von Sorrent gemeint, das ja seinen Ursprung auf den Mythos der Sirenen zurückführt? Die häufigste Lesart sieht hier eine Ortsangabe: Zwischen Sorrent und dem Felsen

Und was hat es mit der celsa villa auf sich? Das lateinische Adjektiv celsus kann emporragend, hoch oder erhaben bedeuten. Doch es bezieht sich immer auf die nach oben strebende Ausrichtung seines Bezugswortes, nicht auf dessen Lage. Genauso aber wird die villa celsa häufig übersetzt: Als hoch oben auf der Steilküste thronende Villa (?!?) Eine groteske Verdrehung des Original-Wortlauts.

Erstaunlicherweise hat sich die Altertumswissenschaft mittlerweile darauf geeinigt, die Überreste der einstigen Pollio-Villa an der Küste zwischen dem Capo di Sorrento und Massa Lubrense zu lokalisieren. Aber für diese „Einigung“ gibt es meines Erachtens keine nachvollziehbaren Gründe. Vielmehr scheint es, als hätte man irgendwann aufgehört die Argumente früherer Arbeiten kritisch zu hinterfragen. Dabei gibt es weitaus mehr gute Gründe dafür die Pollio-Villa genau hier zu lokalisieren, hier, auf den Felsen des Capo di Sorrento und nirgendwo sonst. Aber urteilen Sie selbst, welche Lesart Sie mehr überzeugt.

Eines der am häufigsten genannten Argumente für eine Lokalisierung der Pollio-Villa bei Massa Lubrense ist das von Statius beschriebene Panorama des Golfs von Neapel. Von Pollios Villa aus betrachtet konnte man angeblich die gesamte Nordküste des Golfes überblicken. Was in der Aufzählung der Inseln und Landmarken fehlt, sind die Insel Capri im Westen und der Vesuv im Osten. Bei Ortsangaben liegt es natürlich nahe diese wörtlich zu nehmen, weil man sie damals wie heute leicht überprüfen konnte. Umso erstaunlicher ist das Fehlen des Vesuv in Statius‘ Worten, weil der markante Vulkankegel von der gesamten Westküste der sorrentinischen Halbinsel deutlich zu erkennen ist.

Aber es kann viele Gründe geben, warum der Dichter den Vesuv nicht erwähnt. Ein meines Erachtens in der Fachliteratur viel zu wenig berücksichtigter Aspekt ist die Tatsache, dass eben dieser Berg die Golfregion erst kurz zuvor mit unendlich viel Leid überschüttet hatte. Pollio und Statius waren noch junge Männer, als der Vesuv im Jahre 79 nach Christus ausbrach und weite Teile ihrer Welt, vielleicht sogar Freunde und Verwandte und liebgewonnene Orte einfach auslöschte. Mit diesem Trauma musste die ganze Golfregion fertig werden! Ist es da noch verwunderlich, wenn die „Opfer“ den „Täter“ aus ihrer Realität zu bannen versuchten und Dichter aus Rücksicht auf ihre Kundschaft den „mons non gratus“ einfach ausblendeten?

Capri indes war auch von der Meervilla am Capo di Sorrento nicht zu sehen. Und um das zu erkennen, muss man noch nicht einmal vor Ort sein. Das verraten einem schon Google Earth oder die Höhenlinien topographischer Karten. Ebenso erstaunlich sind die hanebüchenen (!) Versuche, den von Statius erwähnten Hafen des Pollio irgendwo an der Küste zwischen dem Capo di Sorrento und Massa Lubrense zu verorten. Der ganze Küstenstrich der sorrentinischen Halbinsel hat eine steile Westlage. Überall sind Untiefen, in denen sich die Brandung ungebremst aufbauen konnte.

Unter nautischen Gesichtspunkten ist es nahezu unmöglich, hier einen geeigneten Hafen zu finden! Kein Ort an diesem Küstenstrich hätte den römischen Schiffen sicheren Schutz bieten können. Und eben der wird doch von Statius so explizit betont, wenn er den einzigen Strand zwischen den Bergen besingt, der sich zwischen den überhängenden Felsen ins Land fortsetzt. Die Bucht, schwärmt Statius, sei selbst bei Wind und Wellen so geschützt, dass die Wasserfläche spiegelglatt da liege. Von allen Stränden und Buchten entlang der sorrentinischen Halbinsel trifft diese Beschreibung nur auf einen einzigen Ort zu: Nämlich den natürlichen Felsenhafen am Capo di Sorrento.

Meines Erachtens hat die wissenschaftliche Fachliteratur in den letzten fünfzig Jahren keinen einzigen stichhaltigen Grund geliefert, weshalb man die Pollio-Villa nicht genau hier vermuten sollte: Hier am Capo di Sorrento, bei der kleinen Naturbucht, die seit dem Mittelalter als Bad der Königin Johanna bekannt ist. Selbst der Einwand, dass an diesem Küstenstrich kein von Statius so bezeichnetes pontoque novalia bekannt sei, ein „Neuland“ das man „dem Meer abgerungen habe“, muss nichts heißen. Vielleicht handelt es sich auch hierbei um einen Übersetzungsfehler: Denn der Ablativ von pontus muss sich ja nicht unbedingt auf ein Neuland „im Meer“ beziehen. Vielleicht war vielmehr ein Neuland „am Meer“ gemeint: Schließlich erheben sich heute wie vor 2.000 Jahren hinter dem Garten die gewaltigen Hangmauern, mit denen man das dort oben befindliche Land urbar gemacht hat, das zuvor nur aus karstigen Felsen bestand.

Wie gesagt, ich behaupte nicht, dass es sich bei den Mauern der römischen Meervilla am Capo di Sorrento um nichts anderes als die Überreste der einstigen Pollio-Villa handeln kann. Als Autor der visa-antiqua wage ich aber sehr wohl zu behaupten, dass die antiken Grundmauern der hier gelegenen Meervilla durchaus zum Komplex der von Statius besungenen Villa des Pollio Felix gehört haben können. Und ich sage auch, dass nahezu alles, was ich an dieser Stelle rekonstruiert habe, genauso ausgesehen haben könnte.

Wenn Sie meine Zeichnungen und die hier geäußerten Gedanken zur römischen Meervilla am Capo di Sorrento verstehen, werden Sie auch nahezu jede andere römische Villa in ihrem Aufbau und ihrer Infrastruktur erfassen können. Da dies mein Hauptanliegen ist, spielt es letztlich gar keine Rolle, wem diese Villa wirklich gehörte. Es ist nur einfacher und in unserer Vorstellungskraft vielleicht auch schöner, wenn wir der villa maritima jenen Pollio Felix als Besitzer zuordnen können, den wir auch schon aus Statius‘ Liedern kennen.